Interview mit dem Jazzbassisten Dieter Ilg
Er zählt zu den versiertesten deutschen Jazzmusikern, hat am Kontrabass einen ganz eigenen, wiedererkennbaren Stil - aber auch zahlreiche andere Talente: Dieter Ilg, 45, ist am Samstag um 20.30 Uhr erneut zu Gast im Sindelfinger Pavillon (Karten an der Abendkasse, Reservierungen auch unter www.igkultur.de) - zusammen mit dem Altsaxophonisten Charlie Mariano. "Meinem älteren Bruder", wie der Freiburger lacht.
VON SIEGFRIED DANNECKER
Herr Ilg, was macht den Reiz aus, mit einer über 83-jährigen Jazz-Legende wie Charlie Mariano zu spielen?
Charlie, das ist, salopp gesagt, wie eine alte Pflanzensorte, die nicht mehr EU-konform ist. Er ist ein Relikt einer vergangenen Zeit, wo die Jazzmusik noch die Rolle spielte, die heute der Pop hat. Sich mit ihm auszutauschen, ist etwas Besonderes. Wir lieben beide die Tradition, haben sie aber je unterschiedlich erlebt - er hat 40 Jahre mehr in sich und eine ganze andere Sozialisation. Aber beide haben wir jedesmal einen Riesenspaß am Zusammenspiel.
So ein puristisches Duo ist ja aber auch nicht ohne Risiken. Da kann sich keiner verstecken. Da ist die ganze Zeit über volle Konzentration gefordert.
Au ja. Das ist jedesmal eine Herausforderung, das Duo, die kleinstmögliche Form, mehr zu sein als man selbst, die kleinste Beziehungseinheit - wie die Ehe (lacht).
Bei Ihnen wäre es eine ohne Trauschein. . .
Ja, verheiratet bin ich mit meiner Frau. Sagen wir: Es ist eine Männerfreundschaft, die sich gegenseitig befruchtet. Charlie ist mein älterer, mein großer Bruder.
Wir waren bei den Erschwernissen brüderlichen Musizierens gewesen und noch nicht fertig damit.
Tja, ob ich nun zusammen mit Charlie spiele oder alleine: Ich kann mich da nur auf mich selbst lehnen, sonst ist keiner mehr da. Das ist sehr anstrengend und auch abhängig von der Tagesform. Ich muss ja deshalb auch akkordisch arbeiten, ein Stück Schlagzeug ersetzen oder ein Harmonieinstrument imitieren.
Der Capo unterschiedlichster Baustellen zu sein, sind Sie doch gewöhnt. Sie sind ja Musiker, ihr eigener Manager, Plattenproduzent, Genussmensch und Kochautor mit hohem Anspruch - beispielsweise für "Jazzthing" - in einer Person. Kriegen Sie das noch alles unter einen Hut?
Bislang schon noch. Ich komme ganz gut klar damit.
Wie laufen die drei CDs mit Charlie Mariano bei Ihrem eigenen Label "Fullfat" im Selbstvertrieb?
Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass dahinter ja keine große Plattenfirma steht, die Besprechungen in Fachblättern lanciert. Für diese Scheiben gibt es keine Anzeigen und keinerlei Werbung.
Sie leben also nur von Ihren Konzerten. Nährt das seinen Mann?
Es geht so weit ganz passabel. Ich will nicht klagen und habe mein Auskommen. Womit ich nicht sagen will, dass ich nicht auch käuflich wäre.
Was müsste einer tun, um Sie zu kaufen?
Beispielsweise mit die Möglichkeit bieten, eine CD mit Weihnachtsliedern einzuspielen und sie zu spielen, wie ich will, gleichzeitig aber 500 000 Euro dafür bieten. Das wäre schön. Bei Weihnachtsliedern gibt es großartige Melodien.
Und weil der Kerl mit der vielen Knete vermutlich so rasch nicht kommt, muss sich Dieter Ilg nicht verbiegen und bleibt weiter bescheiden?
Tja, ich wuchte meinen Kontrabass und den kleinen Verstärker halt in einen 20 Jahre alten Opel Kadett Kombi und mache mir einen Spaß daraus, so wenig wie möglich zu verbrauchen. Ich komm' mit fünfeinhalb Litern Superbenzin auf 100 Kilometer aus - das ist gleichzeitig ökonomisch und ökologisch. Charlie reist aus Köln mit der Bahn an.
Wo komponiert ein Dieter Ilg? In der Dusche, der Badewanne, beim Rasieren?
Weder noch. Die harmonischen Strukturen entstehen am Klavier, die anderen Dinge beim Spielen am Bass.
Also nicht beim Lauschen des Vogelgesangs in der freien Natur?
Nö. Aber ich halte mich dort gerne auf. Zum einen angle ich gerne. Zum anderen bin ich schon durch familiäre Vorprägung ein begeisterter Wanderer - in den Alpen wie im Schwarzwald. Das ist für mich eine Art Meditation, ein Abschalten vom Alltag, ein Gedanken sortieren und ein Auftanken aller Speicher.
Und wenn dann das Handy klingelt?
Tut es nicht, weil ich es beim Wandern im Wald abgeschaltet habe. Die moderne Kommunikation von Handys und E-Mails hat den Nachteil, dass sie allzuleicht zur Beschäftigungsdroge wird und einem nur das Kostbarste frisst - die Zeit. Ich habe gelernt, auf diese Sirenen nicht mehr so sehr zu hören.
Weitere Informationen im Internet
www.bb-live.de
www.dieterilg.de