Ungewohnte Klänge

Kreiszeitung Böblingen vom Freitag, 23. Oktober 2009
Pressebericht zu unserer Veranstaltung EL AFRONTE - Tango Argentino aus Buenos Aires

Argentinisches Tango-Ensemble El Afronte im Sindelfinger Pavillon

Außergewöhnliches war am Mittwoch im Pavillon zu sehen und zu hören. Das argentinische Tango-Ensemble El Afronte zog das Publikum in seinen Bann - ärgerlich nur, dass die Besucher eine Dreiviertelstunde auf den Beginn warten mussten und die Spielzeit recht kurz war.

Von Anna J. Deylitz

SINDELFINGEN. Die elfköpfige Formation stammt aus Buenos Aires und wurde vor fünf Jahren gegründet. Zurzeit tourt das Ensemble durch Europa, tritt bei einem Bandoneon-Wettbewerb im Erzgebirge sowie einem Tango-Wettstreit in Turin an und hat so ganz nebenbei den Pavillon in Sindelfingen besucht. Glückwunsch dafür an den Veranstalter, die IG Kultur!

Das Ensemble aus Buenos Aires fühlt sich den Erneuerern des Tango wie Astor Piazzola und Osvaldo Pugliese verpflichtet, und dennoch klingen sie nicht wie die bisweilen schmalzig daherkommenden Tango-Orchester. Sie haben nicht die Herz-Schmerz-Erotik-Gefühligkeit der oft gehörten Tangomusik, die sofort Bilder von eng tanzenden Paaren mit ungemein ernsten Gesichtern aufkommen lässt. Hier werden von einer musikalisch hochkarätigen Formation (Bass, drei Geigen, Cello, Klavier, vier Bandoneons und ein Sänger) vorher nie vernommene Klänge zu Gehör gebracht. Gewiss, die Geigen klingen süß, auch das Cello kommt recht klassisch daher, der Bassist aber entlockt seinem Instrument, das er gleichzeitig gelegentlich als Schlagzeug benutzt, schärfere, härtere Töne als üblich, das Klavier klingt gelegentlich schräg - man weiß nie genau, ob das vielleicht am Instrument liegt.

Klanglich absolut beherrschend sind jedoch die vier Bandoneons. Da sitzen vier junge Männer auf ihren Hockern, kämpfen mit den auf ihren Knien arrangierten Schontüchern und horchen in ihre dort ruhenden oder vielmehr ständig bewegten Akkordeon-ähnlichen Instrumente hinein.

Sie produzieren mit ausgeprägter Körpersprache Crescendi und erzeugen ungewöhnliche, drängende und auch aggressive Dynamik. Spätestens jetzt versteht man, dass die Absicht des Gründers und Violinisten Gabriel Atúm weniger war, Überkommenes zu wahren, als dem überaus lebendigen Medium Tango modernere Klänge zu verpassen. Dafür ist vielleicht auch ihre Herkunft aus San Telmo, einem nicht so von Touristen durchzogenen Stadtteil von Buenos Aires verantwortlich. Wenn El Afronte nicht gerade auf Tour ist, spielen die Musiker regelmäßig auf den "milonga" genannten Tanzveranstaltungen.

Der Sänger trägt eine Goucho-Hose und seine Lieder so gekonnt vor, dass man bedauert, über das Touristen-Spanisch nie hinweggekommen zu sein. Gewöhnungsbedürftig ist dagegen der auftretende Tänzer, der eher vom brasilianischen Kampftanz Capoeira inspiriert zu sein scheint.

Als die Musiker zum Schlusstitel ansetzen, entspricht die Zeit der musikalischen Darbietung der vorherigen Wartezeit. Nur die drei heftig erklatschten Zugaben verlängern die Spielzeit auf eine runde Stunde. In Südamerika scheinen die Uhren anders zu gehen. Vielleicht sollte jemand den zumeist jungen Musikern erklären, dass überlange Wartezeiten ein "Affront" gegenüber dem Publikum sind. El Afronte allerdings hat die Bedeutung "Zusammentreffen".