Der "Elektrolurch" rockt im Pavillon

Kreiszeitung Böblingen vom Dienstag, 23. März 2010
Pressebericht zu unserer Veranstaltung GURU GURU - Psychedelic World Beat

Die Krautrock-Legende "Guru Guru" zu Gast in Sindelfingen

Von Sigrid Pfenning

SINDELFINGEN. Dass Mani Neumeier nicht ganz normal ist, beweist er bei einem Schlagzeugsolo: Wild und dennoch konzentriert wirbelt er die Drumstics und schlägt auf sein Instrument ein, als wäre er erst 25 statt bald 70 Jahre alt. Schließlich fragt Mani: "Do you want more?" Diese Frage ist eigentlich überflüssig, denn das Publikum tobt schon längst vor Begeisterung. Mani entleert also kurzerhand einen Rucksack mit Herdabdeckplatten und sonstigem Blechgeschirr, worauf er - auf dem Boden kniend - wie ein Verrückter weiter trommelt.

Die (Kraut-)Rockgruppe Guru Guru ist im Moment mit "Psychedelic World Beat" auf Tour und trat vergangenen Samstag im Sindelfinger Pavillon auf. Der Verein IG Kultur feiert in diesem Jahr sein 30-jähriges Bestehen und startete dieses Jubiläum mit einem bunten Frühlingsprogramm, in dessen Rahmen das Konzert stattfand. Antonio Bras, der zum Programmteam von IG Kultur gehört und für die Veranstaltung verantwortlich ist, findet, dass der Abend geglückt ist - obwohl nur 60 Karten verkauft wurden und etwa 300 Personen in den Raum gepasst hätten. "Die würden auch für fünf Mann spielen, denen ist das völlig egal", bemerkt Marcus Stengel, der die Band zum dritten oder vierten Mal gesehen hat. Er fand den Auftritt "lustig und nett". Für seinen Geschmack hätten noch mehr der früheren Lieder wie der LSD-Marsch gespielt werden können.

Sein Bruder Michael ist zum ersten Mal dabei, aber dennoch fasziniert: "Klasse! Die bringen das Flair der damaligen Zeit sehr gut rüber, das spüren die Leute. Und sie bieten das volle Programm: Psychedelisches, Reggae, Rock, Blues, Ska." Ein besonders treuer Fan hat Guru Guru bereits sieben oder acht Mal gesehen, ist aber immer wieder begeistert.

Gute Stimmung herrscht von Anfang an: "Viel Platz zum Tanzen heute", kommentiert Mani ironisch den nur spärlich gefüllten Konzertsaal. Sofort nimmt ein Paar die freie Fläche vor der Bühne für sich in Anspruch und tanzt zur Musik. Gegen später füllt sich die Tanzfläche mehr und mehr. Auch die Musiker steigern sich immer mehr in ihr Spiel. Während Mani sein Schlagzeug malträtiert, heizen sich die Gitarristen Hans Reffert und Roland Schaeffer gegenseitig an. Nur Bassist Peter Kühmstedt verzieht keine Miene und macht den Eindruck, als würde ihn das alles nicht tangieren.

Dass die vier gereiften Jungs sich von anderen Bands abheben, zeigt auch die Wahl ihrer Instrumente. Wenn zum Beispiel Schaeffer die Gitarre gegen das Nadaswaram - eine in Südindien verbreitete Kegeloboe - eintauscht und diesem außergewöhnlichen Instrument ebenso außergewöhnliche Töne entlockt. Reffert steigt zwischenzeitlich von der normalen auf die Lap-Steel-Guitar um. Diese hawaiianische Gitarre hat Stahlsaiten und wird auf dem Schoß liegend gespielt. Und Mani Neumeier trommelt nicht nur auf Blechgeschirr, sondern schlägt auch öfter mal auf einen großen japanischen Gong. Mit ihren exotischen Instrumenten erzeugen die vier einen genialen Sound.

Die Band wurde 1968 als "The Guru Guru Groove" vom Schlagzeuger Mani Neumeier, dem Bassisten Uli Trepte und dem Gitarristen Jim Kennedy gegründet. Mani Neumeier ist bis heute als einziger der Anfangsbesetzung dabei. Der gebürtige Münchner ist nicht nur Schlagzeuger der Extraklasse, sondern firmiert laut Presstext auch als Free-Jazz-Pionier, Multikulti-Visionär, Klangforscher, Alt-Hippie, Weltreisender, Schamane und Erzkomödiant.

Guru Guru gelten als die Vertreter des Krautrocks der 70er Jahre - Rockmusik primär westdeutscher Bands, die zum Teil auch international bekannt wurden. Doch seit Beginn gehen sie abseits vom Mainstream, machen neben experimentellem Rock auch Jazz-Variationen oder rein elektronische Musik. Heute klingen sie wie eine Ethno-Ambient-Rockband und verarbeiten dabei in ihren Stücken auch indische und afrikanische Einflüsse.

Als eine der vielen Zugaben wird der "Elektrolurch" gespielt, welchem bei kaum einem Konzert zu entkommen ist. Der wohl bekannteste Hit der Band entstand 1972 bei einer Blödelei im Tourbus. Dabei nimmt die Band sich selbst und auch die Presse auf's Korn und stellt Fragen, auf die es keine Antworten gibt: "Was bedeutet denn Guru Guru?" und "Was macht ihr eigentlich, wenn ihr mal älter seid?" Passend zur skurrilen Musik schleicht Mani Neumeier mit einer schrägen Lurchmaske mit rotblinkenden Augen über die Bühne.

Bleibt die Erkenntnis: Guru Guru sind auch im Rock-Opa-Alter ein verrückter, aber durchaus sehens- und hörenswerter Haufen, der sich selbst nicht ganz ernst nimmt.